Gedichte

(Archiv)

Novembertage

von Markus Lochmann

Nur noch im Tod kann ich glücklich sein

Ich habe die Welt verlassen

Nur noch im Licht kann ich weiter gehn

Wenn Bilder alternd verblassen

Nur noch im Nichts kann ich auferstehn

Zu jedem alltäglichen Mühen

Nur noch im Geist kann ich Sinn ersehn

Und spüren gedankliches Blühen

Nur noch im Tod kann ich glücklich sein

Der Erde werd’ ich gehören

Nur noch im Jetzt kann ich wiedergeben

Worte, die Sie gerade berühren

Nur noch im Ich kann ich Mittler sein

Zwischen den beiden Welten

Nur noch im Sein kann ich weiter leben

Etwas bei anderen gelten

Nur noch im Tod kann ich glücklich sein

Ich habe die Menschen verlassen

Nur noch im Wort kann ich Wahrheit geben

Auch wenn viele sie hassen

Nur noch im Text kann ich wirklich leben

Lehren die Seelen der Massen

Nur noch im Tod kann ich glücklich sein

Ich habe mich selbst verlassen.

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Stuttgart, im November 2009. Eine Ver-Dichtung zur Endlichkeit der Dinge. Trübe und traurig wie der November eben ist. Ist es nicht das paradoxe Bild des vor Freude im Wind tanzenden Herbstblattes, welches gerade erst den leisen Tod in der ersten Frostnacht des Herbstes gestorben ist? Ich fühle mich wie fallendes Laub, benutzt, weggeworfen, abgestoßen, zertrampelt, leer, deplatziert. Ich tanze, nahezu willenlos, im Wind der Gesellschaft dahin. Gleichzeitig aber ist im Fallen des Blattes die Knospe des nächsten enthüllt worden; jedem Ende wohnt so, und sei es nach einer langen Kälte, ein Anfang inne. Auf einer metaphysischen Ebene scheine ich mich mit den Realitäten dieses Lebens abgefunden zu haben, bereit aufzugeben, in Neues zu schreiten. Mit dem Wunsch nach ewigem Leben als literarischer Schöpfer. “Bücher und Menschen kann man verbrennen, Gedanken nicht”, hieß es heute im Fernsehen. Wie wahr.

*bearbeitet am 11.11.09

Der Apfelbaum

von Markus Lochmann

Knorrig steht,
vom Winde geschunden
einsam ein Baum
sein Stamm stark gewunden.

Beugt sich,
am Gipfel, am eisigen Berg
des quälenden Windes
grausames Werk

Oft schon hat der Sturm
ihm Äste gebrochen
mit wütender Kraft
ihm Wunden gestochen

Oft schon klagte
knarrend der Baum
als wäre vorüber
sein Lebenstraum

In der Ruhe des Sommers
in blühender Pracht
wird nur an die Schönheit
des Baumes gedacht

der erlangt seine harte,
fast edle Form
in den Kämpfen des Winters
die toben enorm

Geerntet mit Freuden
wird die herbstliche Frucht
die klein aber würzig
bringt Gottes Wucht

Sein wahres Sein
offenbart er in den Tagen
in denen die Wolken
am Himmel sich jagen,

in denen durch
das Brechen der Äste
verwirklicht sich erst
wahre Form, rechte

Denn schneidet der Mensch
die anderen Bäume,
stellt sie in Gärten
baut schützende Zäune

Und tragen dann diese
gepflegten Gestalten
die größeren Früchte
von Stangen gehalten

Doch fehlt diesen Früchten
der rechte Geschmack
und von geschwächt von der Züchtung
hängen die Äste herab

Gewiss, sie haben
des Bauern lieblichen Blick
der sie düngt und sie pflegt
mit gutem Geschick

Und doch sind sie nur
geplante Wesen
nichts kann man
aus ihren Narben erlesen

Brav gezähmt
stehn sie in Reihen
und müssen auf Willen
andrer Gedeihen

Einsam hingegen
steht auf dem Berge ganz oben
der König der Bäume
sein Stamm wirr verbogen

Und zeigt der wahren
Schönheit Gesicht
erzeugt nur
von Gottes Gericht

Geformt durch seine
unzähligen Wunden
die kein Bauer
ihm jemals verbunden

Dort streut er
seine würzigen Früchte
hoch auf dem Gipfel
in stürmische Lüfte

die weit hinaus
tragen den Samen
in Welten, in die
die anderen nie kamen

So geht hervor
aus dem knorrigen Stamm
der felsenfest steht
auf seinem steinigen Kamm

die Botschaft hinaus
in alle Welt,
das Erbe, das jeden Sturm
stande hält:

Man ehre die Krüppel
man ehre die Narben
man ehre die, die nicht
in Wohlwollen darben

denn sie sind
die wahre Kraft
die aus uns
Menschen schafft

Und Sie zeigen mit all
ihren Leiden
dass es sich lohnt

Mensch zu bleiben.

(30.4.2001)

Es klingelt

von Markus Lochmann

Ach, hallo Glück!
Schön Dich zu sehen.

Lang ist’s her,
dacht schon du bist verschollen.

So, so, hast nicht viel Zeit.
Streß, ich verstehe.

Schön, daß du da warst,
wenn auch nur kurz.

Komm mal wieder vorbei,
oder wenn du nicht kannst,

ruf mal an oder schreib
wenigstens ‘nen Brief.

Es war Zeit

von Markus Lochmann

Ein seltsamer Tag, dieser.

Wetter wie gewöhnlich,
Wolken und Sonne.

Dennoch so anders dieser Tag,
ich werde ihn nie vergessen.

Der Regen löscht die Spuren
der Vergangenheit

Ich habe mehr gelebt an diesem Tag
als in zehn Jahren zuvor.

Schach

von Markus Lochmann

Das Leben
ist ein Spiel.

Ein ewiges Spiel,
dessen Regeln

zu beherrschen
unser Ziel sein muß.

In diesem Spiel
gibt es keine Gewinner.

Die Liebe
ist ein Spiel im Spiel,

dessen Regeln wir
beherrschen müssen,

um überhaupt
das Spiel des Lebens

spielen zu können.

Das Verliebtsein
ist aller Spiele Anfang,

eine Pforte, ein Tor

zu den geheimnisvollen
Regeln der Spiele,

die zu beherrschen
wir alle uns so bemühen.

Also lebt nicht,
um zu lieben,

sondern liebet,
um zu leben,

um zu spielen
und zu gewinnen

das einzig wichtige
Spiel überhaupt

das Werden eurer selbst.

Eine Definition des Glücks

von Markus Lochmann

Glück
erfährt man genau
in dem Moment

in dem man
zurückblickt
auf sein Leben

verstehend, daß man
keine Sekunde, keinen Augenblick
davon ändern möchte, kann

weil alles so kommen mußte.
Es war richtig.
Notwendig.
Unausweichlich.

Glück
ist zu verstehen, daß
alles doch
seinen Sinn hat.

Herbstabend

von Markus Lochmann

Es ist Herbst.
Ich fühle die Kälte,

lege eine Decke
um meine frierenden Füße.

Melancholie säumt die Bilder
der prächtigen Farben.

Ich sterbe mit jedem Jahr
ein Stückchen mehr.

Die Kraft, die Schönheit,
die Vernichtung des Lebens,

fasziniert immer wieder.
Geruch des modernden Laubes.

Wirbelnde Blätter, bunt gefärbt ihr Ende zeigend,
glücklich tanzend im tosenden Sturm.

Das Gefühl der Vergänglichkeit
wühlt auf, erinnert.

Winter hart, ich warte auf dich.

Bodensee im Juli

von Markus Lochmann

Leise plätschert Wasser
in sanften Wellen
treffen auf Land – das meine –
kommen von weit – schwingend – um zu grüßen
unseren Raum und Zeit

Jeder Hauch
jeder Duft
jede Regung
dieser Seele

übermenschengroß

Jeder Atemzug
den ich nehme
ist von Dir.

Jeder Stein erzählt
Deine Geschichte
jeder Baum
jeder Strauch
jeder Halm

Jede Blüte
die gedeiht und verwelkt
wie das menschliche Sein
Jeder Tropfen Vergänglichkeit

Heimat ist Raum
ist Geborgenheit
ist die Haut eines Menschen
der dich für immer liebt

Heimat ist Mut
Heimat ist Frieden
Heimat ist Lebenskraft
Heimat bin ich

und hier zuhause
im Land meiner Seelen
in Dir.

Der Mond

von Markus Lochmann

Er leuchtet in der Ferne
scheint sein Lichte fahl,
spüre ich die Wärme
trotz der dunklen Qual

Auch kaltes Licht das strahlt
Liebe in sich aus
So wie all die Sterne
senden Leben aus

Der Mond ist nur ein Spiegel
der warme Sonne bricht
Und wenn ich daran denke:
kalt ist das Dunkel nicht

Wenn am nächsten Morgen
der Tag so hell erstrahlt
sind all die vielen Geister
der dunklen Nacht verjagt

Auch im hellsten Sonnenlicht
das strahlt vom Himmel heiß
vergesse ich den Mondschein nicht
mit seinem bleichen Weiß

Der mir den Weg durch’s Dunkel zeigt
immer, Nacht für Nacht
auch wenn das Schwarz dem Ende neigt
und mein Leben wieder lacht

Ohne ihn gäb’s Hoffnung nicht
für uns Seelen ohne Schlaf
und ohne dich kein Sonnenlicht
für einen, den das Dunkel bitter traf

Du edler Mensch an meiner Hand
mein himmlischer Begleiter
mit dem mich diese Nacht verband
wie geht die Engelsreise weiter?

Schau, da oben, siehst Du es,
das glühende Gestein,
komm, schmieg Dich ganz eng an mich,
sei einen Moment lang mein.

Da, siehe! Schau, da oben!
Siehe, Liebstes, siehst du nicht?
Der Mond – er trägt doch

dein Gesicht.

Von den Bürokraten

von Markus Lochmann

Die Pandora mit der Büchse
jagen diese schlauen Füchse.

Versuchen sie, sie aufzubrechen,
und dann, rücklings, zuzustechen.

Jagen, reißen, morden, rauben,
zeigen, daß wir doch nichts taugen.

Nimmt sie!, nimmt sie!
weg mit ihr,

ist eh das letzt,
was ich verlier.

Doch: vor euch werd ich
mich niemals beugen,
davon meine Schriften zeugen.

Hoffnung nehmen, niedermachen,
darüber kann ich nur noch lachen.

Denkt wärt Gott, ihr Bürokraten,
Blindheit wird euch noch erschlagen.

Liebe, Freude, Menschlichkeit,
fremd Wort für euch, ihr bringt nur Leid!

Doch glücklich weiß ich ganz gewiß,
daß diesen Tag ich nicht vermiß,

daß gerecht sein hier nur einer kann,
und auch ihr dann irgendwann

bereuen werdet eure Taten,
die die Menschen niedertraten.

Maschinen, nein, das sind wir nicht,
wir tragen noch des Herzens Licht.

Und wenn ihr seht uns schon verloren,
irrt, ihr selbst seit nie geboren.

Tot seit ihr in eurem Herzen,
deshalb seht ihr keine Schmerzen.

Drum grüß ich euch nur mit Verachtung,
lebet doch in der Umnachtung.

Das Licht wird kommen auch für euch,
und wenn ich heul und schrei und keuch,

glaub ich ans Gute jedenfalls,
dann endlich,

hab ich euch vom Hals.